Gefragt – gesagt mit Dr. Julia Lindfeld

„Zukunft ist ein aktiver Gestaltungsprozess.“

Als Altstadtkoordinatorin der Hansestadt Lübeck gestaltet Dr. Lindfeld die Mobilitätswende in einem UNESCO-Welterbe. Im Interview erläutert sie, wie historische Strukturen und moderne Anforderungen zusammengebracht werden können und welche Rolle Projekte wie die Beckergrube für eine lebenswerte, klimafreundliche Innenstadt spielen.

Frau Dr. Lindfeld, wir freuen uns über Ihre Zeit für ein Interview. Mögen Sie sich kurz vorstellen?

Ich bin Altstadtkoordinatorin im Bereich Stadtplanung und Bauordnung und seit rund neun Jahren für die Hansestadt Lübeck tätig.

Die Lübecker Altstadt ist UNESCO-Welterbe und gleichzeitig ein lebendiger Stadtraum. Was macht es so besonders, und manchmal auch herausfordernd, Mobilität an einem solchen Ort neu zu denken?

Die Altstadt entstand lange vor der Erfindung des Automobils, der historische Stadtgrundriss mit engen Gassen und Gruben ist maßgeblich auf Fußverkehr ausgerichtet. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts richtete sich der Fokus stärker auf den motorisierten Individualverkehr, und unter dem Leitgedanken der „autogerechten Stadt“ nahmen die Flächenanteile für Fuß- und Radverkehr ab.

Mit dem 2018 in einem umfassenden Planungs- und Beteiligungsprozesses entwickelten „Rahmenplan Innenstadt mit Mobilitätskonzept“ priorisieren wir nun den Fuß-, Rad- und Busverkehr, der Individualverkehr soll sinnvoll reduziert werden. So können die Erreichbarkeit verbessert sowie öffentliche Räume gestaltet und die Aufenthaltsqualität gesteigert werden.

Als Altstadtkoordinatorin bewegen Sie sich im Spannungsfeld zwischen Denkmalschutz und Mobilitätbedürfnissen. Wo geraten diese Ziele aus Ihrer Sicht am häufigsten aneinander?

Der Denkmalschutz zielt auf Bestandserhalt und Substanzerhaltung; die Denkmalpflege bewahrt historische Strukturen, Materialien und gestalterische Qualitäten. Die Stadtplanung fokussiert sich auf Nutzungsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit bei gleichzeitiger, lebenswerter Stadtraumgestaltung im historischen Kontext. Trotz unterschiedlicher Schwerpunkte verfolgen beide Perspektiven dasselbe Ziel: den Stadtraum vielseitig nutzbar und langfristig zukunftsfähig zu gestalten. Dafür sind frühzeitige, enge Abstimmung, sorgfältige Abwägung und kleinteilige Lösungsansätze nötig, die beides berücksichtigen. Wir geraten also mit den Kolleg*innen vom Denkmalschutz nicht aneinander, sondern arbeiten mit unterschiedlichem Fokus am gemeinsamen Ziel.

Die Mobilitätswende auf der Altstadtinsel basiert auf der Umnutzung von Kfz-Parkflächen und der daraus resultierenden Reduzierung des Parksuchverkehrs und gezielter Förderung klimafreundlicher Mobilität. Dazu gehören ein verbessertes Busnetz, barrierefreier Ausbau der Haltestellen, Ausbau der Ladeinfrastruktur, neue Fahrradabstellanlagen und Sharing-Stationen sowie mehr Sitzgelegenheiten. Mit diesen Maßnahmen begegnen wir den Mobilitätsbedürfnissen, die gleichzeitig zur Gesundheitsvorsorge beitragen und überhaupt erst die Möglichkeit schaffen, öffentliche Räume mit spürbar mehr Aufenthaltsqualität zu gestalten. Solche Maßnahmen stehen den Belangen der Denkmalpflege nicht entgegen, eher im Gegenteil.

Wenn allerdings Fahrbahnbreiten reduziert, mehr Grün in die Stadt integriert oder um die Barrierefreiheit zu verbessern Pflastersteine geschnitten bzw. gefräst werden – also in die Substanz eingegriffen wird – treten Belange des Denkmalschutzes in den Vordergrund. Um dafür gute Lösungen für die gesamte Altstadt zu entwickeln, arbeiten wir in enger Abstimmung mit der Denkmalpflege und der Stadtbildpflege an einem Gestaltungskanon mit klaren Grundsätzen und Leitlinien. Ziel ist, möglichst viel zu erhalten und den historischen Charakter zu wahren.

Wenn Sie durch die Altstadt gehen: Woran erkennt man eigentlich, ob Mobilität in einem Stadtraum gut funktioniert?

Gute Mobilität in der Altstadt bedeutet, dass Menschen und Waren sicher, flüssig, schadstoff- und geräuscharm sowie den individuellen Möglichkeiten entsprechend zu jedem Ziel in der Altstadt und wieder heraus gelangen. Eine Altstadt muss beispielsweise keine Durchfahrt mit dem eigenen Auto erlauben. Ein gutes Miteinander im Straßenraum erfordert niedrige Geschwindigkeiten und gegenseitige Rücksichtnahme – auch zwischen Fußgänger*innen und Radfahrenden. Deshalb wurde die Altstadt bereits in den 1990er Jahren verkehrsberuhigt; ein weiterer Ausbau erfolgt durch die Umsetzung der Projekte und Maßnahmen aus dem „Rahmenplan Innenstadt mit Mobilitätskonzept“.

Ob Mobilität in einem Stadtraum letztlich gut funktioniert, hängt aber nicht nur von der Planung ab, sondern auch davon, ob die Angebote genutzt, Regeln überwiegend eingehalten werden und ein rücksichtsvolles Miteinander gelebt wird. Wenn nicht, müssen Angebote und Regeln angepasst werden.

Die Umgestaltung der Beckergrube gilt als eines der sichtbarsten Mobilitäts- und Stadtraumprojekte in der Lübecker Altstadt. Welche Idee stand am Anfang dieses Projekts?

Im Beteiligungsprozess entstand der Wunsch, dass das Stadttheater einen Platz bekommen sollte. Die Idee wurde weiterentwickelt, Optionen durchgespielt und im Rahmen eines Verkehrsversuchs getestet. Weil allein durch das hohe Busaufkommen von 420 Fahrten pro Tag und den Lieferverkehr eine Verkehrsreduzierung nicht in dem Maße erfolgen kann, wie sie für die Bildung eines Platzes erforderlich wäre, rückte die Umgestaltung der gesamten Straße in den Fokus.

Die Beckergrube war die letzte Durchgangsstraße in der Altstadt und wurde überwiegend als Abkürzung genutzt. Eine Kennzeichenermittlung am Burgtor und Holstentor zeigte, dass der Großteil der rund 7.000 Fahrzeuge pro Tag kein Ziel auf der Altstadtinsel hatte. Im Zuge eines Verkehrsversuchs wurden Freiräume und Verkehrsflächen temporär neu aufgeteilt. Die Fahrbahnbreite wurde von zehn auf sechs Meter reduziert, Parkplätze wurden umgenutzt und die Haltestellen verlegt. Mit mobilem Stadtgrün, popartigen Sitzmöbeln und einer Vielzahl an Fahrradmodulen auf den zurückgewonnenen Flächen entstand übergangsweise ein urbanes Gleichgewicht. Der Umweltverbund wurde priorisiert, der Durchgangsverkehr unterbunden und Tempo 20 eingeführt.

Junge Initiativen nutzten den neuen Raum für Urban Gardening und Musik- und Tanzveranstaltungen im Freien. Neue Geschäfte siedelten sich an. Die Verkehrsbewegungen sanken von 6.900 auf 3.000 Kfz/Tag. Eine Neugestaltung der Beckergrube wurde fester Gesprächsstoff in der Stadt.

Viele Menschen verbinden Straßen vor allem mit Verkehr. Was verändert sich im Alltag einer Stadt, wenn eine Straße stärker als Lebensraum gedacht wird?

Die Lübecker*innen haben sich 2018 im Beteiligungsprozess dafür ausgesprochen, dass weiterhin alle Funktionen – Wohnen und Arbeiten, Einzelhandel und Gewerbe, Tourismus, Bildung und Kultur – in der Innenstadt erhalten bleiben. Der Verkehr ist nur die dienende Funktion. Um genau das deutlich zu machen, muss man viel über Verkehr reden.

Mit dem „Rahmenplan Innenstadt mit Mobilitätskonzept“ hat die Hansestadt Lübeck eine zukunftsfähige und integrierte Strategie für die Stärkung einer lebendigen Altstadt. Die Inhalte geben Auskunft über Prioritäten und Gestaltungsmöglichkeiten zentraler Funktionen, die weiteren Planungen zugrunde gelegt werden. Damit wurden Ansätze für eine resiliente städtebauliche Entwicklung formuliert, die Bezug nimmt auf komplexe Herausforderungen wie die Mobilitätswende, den innerstädtischen Strukturwandel, den Klimawandel oder die Baukultur.

Wenn eine Straße zu einem attraktiveren Lebensraum wird, halten sich die Menschen dort länger auf. Es entstehen konsumfreie Begegnungsräume, aber auch die Geschäfte profitieren davon, wenn sie ihre Angebote entsprechend ausrichten.

Wir werden in der Beckergrube beobachten, wie sich die Menschen den neugestalteten Stadtraum zu Nutze machen.

Gab es im Verlauf des Projekts einen Moment, der für Sie besonders prägend war, vielleicht auch eine Situation, in der Sie gemerkt haben, wie emotional das Thema Stadtraum sein kann?

Die temporären Veränderungen im Zuge des im Jahr 2020 durchgeführten Verkehrsversuchs führten zunächst zu Irritationen. Obwohl wir umfassend informiert und vielfältig beteiligt hatten, äußerten sich anfangs ausgerechnet jene Stimmen zu Wort, die wir nicht erreichen konnten. Aus diesem Grund nannten wir die Beckergrube zunächst scherzhaft die 'Meckergrube'.

Als die junge Initiative „Grüne Beckergrube“ in sechs großen Kisten mitten in der Beckergrube Urban Gardening etablierte und der Geruch von Holz, Humus und frischen Kräutern durch die Straße strömte, änderte sich die Atmosphäre. Die Stimmung war sofort positiver, und um die Kisten herum entwickelte sich ein lebendiges Treiben: Mittagssnacks, Gespräche und kleine Veranstaltungen fanden statt. Dadurch löste sich auch bei mir die Anspannung.

Solche Veränderungen bringen oft unterschiedliche Interessen zusammen: Anwohnende, Gewerbe, Tourist*innen. Wie gelingt es, bei so vielen Perspektiven einen gemeinsamen Weg zu finden?

Indem von Anfang an interdisziplinär gearbeitet wird, die Betroffenen eingebunden werden und der Kontakt regelmäßig vor Ort gesucht wird. Die notwendige Akzeptanz für eine Baumaßnahme dieser Größenordnung konnte durch die Einrichtung eines Beirats aus Anlieger*innen und Vertreter*innen von Institutionen und Interessengemeinschaften geschaffen werden. Er tagt seit vier Jahren mehrmals jährlich, begleitet den Prozess, unterstützt Baustellenfeste und die Mitglieder fungieren als Multiplikator*innen. Das zeigt sich in den gut besuchten Informationsveranstaltungen und Baustellenführungen.

Der Siegerentwurf des dänischen Landschaftsarchitekturbüros zeichnete sich unter anderem damit aus, dass er viele der in den Beteiligungsformaten und im Beirat gesammelten Ideen aufgegriffen und in die Planung integriert hat.

Wesentlicher Baustein ist die kontinuierliche Öffentlichkeitsarbeit sowie der Austausch mit den Betroffenen. Die Öffentlichkeit wird über die Webseite www.luebeck.de/beckergrube informiert - dazu gehören ein Baustellen-Blog, eine FAQ-Sektion und Pressemitteilungen, ergänzt durch eine regelmäßige Ortspräsenz. Eine Ausstellung über das Projekt im öffentlichen Raum, einschließlich einer Testfläche, bietet vor Ort einen Überblick über das Projekt und erläutert, wie der Stadtraum zukünftig gestaltet sein wird. In den lokalen Geschäften liegen Flyer aus. E-Mails, die über ein funktionales Postfach eingehen, werden von einer Kommunikationsagentur entgegengenommen und zeitnah beantwortet.

Wenn Sie heute auf die Beckergrube schauen: Welche Veränderungen sind für Sie am deutlichsten spürbar?

Die Beckergrube war eine Asphaltwüste und diente als Transitraum, der des Theaters nicht würdig war. Bereits die temporären Maßnahmen während des Verkehrsversuchs haben die Beckergrube ins Bewusstsein der Lübecker*innen gerückt und ihr eine höhere Aufmerksamkeit verschafft. Der Planungs- und Bauprozess wird aktiv begleitet; das Interesse an archäologischen Erkenntnissen durch die den Bauarbeiten vorangegangenen Ausgrabungen, der Neugestaltung und den Maßnahmen zur Klimaanpassung ist groß.

Das Projekt wurde bei der EnergieOlympiade 2025 mit dem Mobilitätspreis ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie und das Projektteam?

Eine positive und wertschätzende Bewertung von außen bedeutet für uns eine positive Bestätigung für das, was wir tun. Die Auszeichnung hilft auch Entscheidungsträgern, ihre Entscheidungen gegen Kritik zu verantworten. Sie motiviert mich persönlich, die Herausforderungen der Baustellenphase besser zu meistern.

Der Preis bestärkt uns als Team darin, mit weiterhin großem Einsatz und Zuversicht an der Umsetzung zu arbeiten und auch den zweiten Bauabschnitt erfolgreich anzugehen.

Preise würdigen nicht nur Ideen, sondern oft auch den Mut zur Umsetzung.
Was hat aus Ihrer Sicht den Ausschlag gegeben, dass die Beckergrube diesen Preis erhalten hat?

Die Jury würdigte das Projekt als herausragend und betonte insbesondere den Mut, innovative und ganzheitliche städtebauliche Ansätze zu verfolgen. Das Projekt integriert zentrale Aspekte der Mobilitätsplanung, wobei Verkehrsflächen effizient optimiert und dadurch reduziert wurden. In der Disziplin Mobilitätspreis werden Projekte ausgezeichnet, die den Verkehr vor Ort klimafreundlicher, lebenswerter und smarter gestalten.

Die Goldmedaille haben wir uns mit zwei anderen Projekten in Schleswig-Holstein geteilt. Sie ging aus meiner Sicht auch an Lübeck, weil mit der Neugestaltung der Beckergrube eine Verkehrsberuhigung in Verbindung mit einer Stärkung des klimafreundlichen Verkehrs, der Schaffung attraktiver durch Baumpflanzungen klimaresilienter Stadträume mit hoher Aufenthaltsqualität sowie einer baukulturellen „Wiedereingliederung“ in die Lübecker Altstadt angestrebt werden.

Hat die Auszeichnung auch eine Wirkung nach innen, etwa für die Motivation der Beteiligten oder für zukünftige Projekte in Lübeck?

Die Hansestadt Lübeck hat bereits vor drei Jahren für die beispielgebende Durchführung des vorgeschalteten Verkehrsversuchs den Deutschen Verkehrsplanungspreis 2022 erhalten. Dieser Preis war entscheidend, um weiterzumachen und Mut für ein solches Projekt zu schöpfen. Der zweite Preis hat uns darin bestätigt, dass wir das Richtige tun.

Historische Innenstädte stehen vielerorts vor ähnlichen Fragen: weniger Verkehr, mehr Aufenthaltsqualität, gleichzeitig Erreichbarkeit. Was kann Lübeck aus Ihrer Sicht anderen Städten mit auf den Weg geben?

Zum Erfolg beigetragen hat der gesamte Planungs- und Beteiligungsprozess unter der Dachmarke LÜBECK überMORGEN: Von der Erstellung eines Gesamtkonzepts für diesen Stadtteil, der Benennung von Schlüsselprojekten, über die experimentelle Phase des Verkehrsversuchs und einer gläsernen Planungswerkstatt bis hin zum internationalen freiraumplanerischen Wettbewerb. Daraus lässt sich die große Bedeutung der Baukultur unserer Stadt ableiten. Dafür sind gute Förderprogramme unverzichtbar. Wir sind sehr dankbar, die notwendige Unterstützung durch das Bundesprogramm Nationale Projekte des Städtebaus zu erhalten und für die Durchführung des Wettbewerbs, Beteiligungsveranstaltungen und die Umsetzung des ersten Bauabschnitts eine Fördersumme von 3,5 Mio. Euro zu bekommen.

Mit umfassender Beteiligung vor Ort lässt sich gemeinsam viel bewegen: Durch regelmäßigen Austausch und konkrete Mitwirkungsmöglichkeiten schaffen wir Transparenz, erhöhen die Akzeptanz in der Bürgerschaft und gewinnen breiten Rückenwind für eine nachhaltige Umsetzung aller Teilprojekte.

Nachhaltige Mobilität wird häufig technisch diskutiert – mit neuen Fahrzeugen oder Verkehrssystemen. Ist die eigentliche Veränderung nicht oft eine Frage der Nutzung von Raum?

Ja, das sehen wir auch so. Die Innenstadt beherbergt sämtliche Nutzungen, bietet vielfältige Angebote und kurze Wege. Für jeden Quadratmeter Wohn- oder Gewerbefläche wird Miete gezahlt. Das Abstellen eines eigenen Pkw beansprucht etwa 12 Quadratmeter Fläche. In der Altstadt fällt dafür für Bewohner*innen nur eine geringe Verwaltungsgebühr an. Diese Inanspruchnahme konkurriert mit anderen Nutzungen im öffentlichen Raum und wird durch die Selbstverständlichkeit der Bereitstellung sowie die geringe finanzielle Belastung begünstigt.

Als Stadt müssen wir genau hier ansetzen: Die Flächen müssen fair verteilt und Räume so gestaltet werden, dass sie für möglichst viele einladend und nutzungsfreundlich sind. Dabei liegt der Fokus nicht nur auf Funktionalität, sondern auf Begegnung und Vernetzung. Besonderes Augenmerk legen wir dabei auf ein abwechslungsreiches Veranstaltungsprogramm zur Unterstützung der lokalen Kulturszene und auf Formate, in denen Menschen im öffentlichen Raum ins Gespräch kommen, sich austauschen. Unser UNESCO-Welterbe bietet dafür eine einzigartige Kulisse.

Wenn eine Straße wie die Beckergrube neu gedacht wird:  Was kann eine Umgestaltung einer einzelnen Straße eigentlich über die Zukunft unserer Städte erzählen?

Zukunft ist kein Zufall, sondern ein aktiver Gestaltungsprozess. Dafür braucht es die Fähigkeit zur Transformation. Eine Neugestaltung dieser Größenordnung findet Antworten für die großen Themen in der Planung: So begegnen wir dem Strukturwandel, fördern klimafreundliche Mobilitätsformen für die Mobilitätswende und leisten einen wichtigen Beitrag zur klimaresilienten Stadtentwicklung der Lübecker Altstadt. Trotz großer Herausforderungen in einer steinernen Stadt, die nicht nur oberirdisch, sondern auch unterirdisch geschützt ist, werden im ersten Bauabschnitt von rund 200 m etwa 35 Bäume gepflanzt. Die Bäume werden durch Verdunstung und Verschattung spürbar das Mikroklima verbessern und damit einen wichtigen Beitrag zur Hitzevorsorge und zum Gesundheitsschutz leisten. Gleichzeitig erhöhen sie die Aufenthaltsqualität im Straßenraum deutlich. Mit den großzügig dimensionierten Pflanzgruben schaffen wir nachhaltige und zukunftsfähige Standortbedingungen, die eine gesunde Entwicklung und langfristige Vitalität der Bäume gewährleisten.

Rundherum schaffen wir konsumfreie Begegnungsräume und unterstützen damit auch die lokalen Gewerbetreibenden, Einzelhändler*innen und Gastronom*innen. Der Eingriff ist umfassend, bringt aber langfristig Vorteile. Wer sich länger und gerne in der Innenstadt aufhält, nutzt auch deren Angebote.

In vielen Städten wird intensiv darüber diskutiert, wie viel Raum der Autoverkehr künftig noch einnehmen sollte. Wie erleben Sie diese Debatte konkret in Ihrer Arbeit vor Ort?

Mit dem „Rahmenplan Innenstadt mit Mobilitätskonzept“ kann die Hansestadt Lübeck eine zukunftsfähige und integrierte Strategie für die Stärkung einer lebendigen Altstadt vorweisen. Nicht aufschiebbare Brückensanierungen oder -neubauten unterstützen ungewollt die Verkehrsberuhigung. Aktuell erleben wir durch die Sperrung der Mühlentorbrücke die Mühlenstraße als Reallabor. Nach anfänglichem Protest und negativer Stimmung erkennen viele, dass der Stadtraum deutlich mehr bieten kann. Erste Ideen für die Umnutzung derzeit ungenutzter Verkehrsflächen werden bereits entwickelt.

Wir haben in der Altstadt erfolgreich Parkflächen zugunsten von Außengastronomie, mobiler Sitzgelegenheiten, urbanem Grün, Fahrradabstellanlagen und Sharing-Stationen für E-Scooter und Leihräder umgewidmet. Durch weniger Parksuchverkehr steigt die Verkehrssicherheit spürbar. Parkmöglichkeiten in Parkhäusern und am Stadtrand bleiben ausreichend. Neue Ladezonen ermöglichen Anlieferung und Parkplatznutzung für barrierefreie Zwecke, bis zu drei Stunden; für Schwerbehinderten-Ausweisinhaberinnen und -inhaber richten wir entsprechend Parkplätze ein.

Die Gesamtsituation in der Stadt sieht jedoch anders aus: Nie zuvor gab es mehr angemeldete Autos in Lübeck, und mittlerweile dominieren SUVs mit mehr als 50 %. Das heißt, da wo vorher in Reihe zehn Autos parken konnten, stehen heute nur noch sieben und die anderen drei verlangen einen neuen Parkraum. In einer historischen Stadt wie Lübeck geht das nicht auf. Dem kann nur durch ein anderes Nutzerverhalten begegnet werden. Mobilität muss besser aufeinander abgestimmt werden.

Jede Stadt braucht eigene Lösungen – in enger Zusammenarbeit mit allen Fachbereichen und der Bevölkerung vor Ort.

Schauen wir ein paar Jahre nach vorne: Wie könnte sich Mobilität in der Lübecker Altstadt weiterentwickeln?

Mit der stetigen Aufwertung des öffentlichen Raumes durch Sanierungen und Neugestaltungen und der Vielfalt an Angeboten wie das Urban Gardening auf dem Koberg und der Tanzfläche mit Holzdeck in der Beckergrube, soll die Altstadt noch mehr zu einem Aufenthaltsort werden, in dem man zu Fuß, mit dem Rad oder mit dem Bus unterwegs ist. Vielleicht etablieren sich doch irgendwann auch in Lübeck kleine, leisere, autonom fahrende Shuttlebusse, die besser auf die Bedürfnisse geh- und seheingeschränkter Menschen eingehen und weniger negative Auswirkungen haben.

Wann haben Sie zuletzt gedacht: Genau für solche Momente lohnt sich die Arbeit an Stadträumen wie der Beckergrube?

Besondere Momente meiner Arbeit als Stadtplanerin sind, wenn ich Exkursionen oder Baustellenrundgänge für Schüler*innen anbiete und merke, dass sie die komplexen Zusammenhänge wirklich verstehen wollen. Ich beginne meine Vorträge in einer Ausstellung zum Projekt, die einen umfassenden Einblick in den gesamten Planungs-, Beteiligungs- und Bauprozess gibt. Highlight der Ausstellung mit Testfläche ist eine wechselnde Präsentation der archäologischen Funde.

Ein weiterer besonderer Moment ist, wenn Kulturschaffende oder Musiker*innen etwas darbieten und die Passant*innen entzücken, sodass deutlich wird, dass Stadträume so viel mehr sind als Transit- oder Kfz-Parkraum.

Bildnachweise

© Dorothee Meyer

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