Gefragt – gesagt mit Daniel Kamolz
„Wir wollen die Abhängigkeit vom Auto im ländlichen Raum verringern.“
Wie bleibt Mobilität im ländlichen Raum zukunftsfähig? Mobilitätsmanager Daniel Kamolz erklärt im Interview, wie „MOIN100“ die Region Heide auf Wachstum vorbereitet, Bürger*innen einbindet und Alternativen zum Auto stärkt – und warum der Wandel mehr ist als nur ein neuer Radweg.
Herr Kamolz, wir freuen uns, Sie als Interviewpartner an Bord zu haben. Mögen Sie sich kurz vorstellen?
Ich bin zum Zeitpunkt dieses Interviews 28 Jahre alt, habe Kulturwissenschaften in Lüneburg sowie Geographie in Erlangen studiert, und arbeite seit April 2025, nach einem zehnmonatigen Intermezzo bei einem Beratungsunternehmen für Stadtentwicklung in Stuttgart, als Mobilitätsmanager bei der Entwicklungsagentur Region Heide.
Sie sind bei der Entwicklungsagentur Region Heide als Projektmanager für die Erstellung eines Mobilitätsentwicklungsplans (MEP) unter dem Arbeitstitel „MOIN100“ angestellt. Was umfasst Ihre Rolle konkret?
Neben der klassischen Projektbetreuung, welche den Löwenanteil meines Arbeitsalltages ausmacht, nämlich die Koordination mit dem uns begleitenden Projektbüro oder die Planung und Durchführung von Beteiligungsformaten für Bürger*innen, lässt sich meine Rolle am besten als „Bindeglied“ beschreiben. Ich stehe im stetigen Austausch mit den drei Verwaltungseinheiten der Region, der Stadt Heide, dem Amt Heider Umland bzw. den Bürgermeistern der elf Umlandgemeinden sowie dem Kreis Dithmarschen, und versuche mein Bestes, die verschiedenen Interessen und Zuständigkeiten zu berücksichtigen.
Was steckt hinter dem Namen „MOIN100“?
Es ist ein Akronym, welches für „Mobilität optimieren und innovativ sowie nachhaltig gestalten“ steht. Die Endung 100 wiederum rührt von vergangenen Forschungsprojekten in der Region Heide her, z.B. „WESTKÜSTE100“ oder „QUARREE100“.
Welche Ziele verfolgt das Projekt strategisch?
Aufbauend auf dem vorliegenden Stadt-Umland-Konzept der Stadt Heide sowie der elf Umlandgemeinden, soll unter dem Vorzeichen des anstehenden Transformationsprozesses in der Region (Ansiedlung einer Batteriezellfertigung mit weiteren vor- und nachgelagerten Industriepartnern), mit dem daraus resultierenden Bevölkerungswachstum, ein integriertes und verkehrsmittelübergreifendes Gesamtmobilitätsentwicklungskonzept erstellt werden. Als Leitlinien gelten dabei die acht SUMP-Prinzipien (Sustainable Urban Mobility Plan) der Europäischen Union. Langfristiges Ziel ist es, die Lebensqualität und Resilienz der ländlichen Räume aufzuwerten, indem die Abhängigkeit vom motorisierten Individualverkehr verringert und die Alternativen, wie Rad und ÖPNV, gestärkt werden.
Welche Zielgruppen stehen besonders im Fokus?
Alle am Prozess Interessierten aus Öffentlichkeit, Wirtschaft, Bildung, Politik etc. werden in unterschiedlichen Formaten in den Entstehungsprozess des MEP einbezogen.
Wie wird der Mobilitätsentwicklungsplan finanziert?
Das Projekt wird zu 65% durch eine Zuwendung des Bundesministeriums für Verkehr gefördert. Die übrigen finanziellen Mittel werden von der Stadt Heide und dem Amt Heider Umland bereitgestellt.
Welchen konkreten Mehrwert bringt „MOIN100“ für kleinere Gemeinden im ländlichen Raum?
Da es sich bei „MOIN100“ um ein regionalspezifisches Konzept handelt und nicht bloß umfangreiche Entwicklungen und Großprojekte, wie etwa die Auswirkungen industrieller Großansiedlungen oder die Elektrifizierung der Marschbahn, betrachtet werden, sondern auch Wegebeziehungen zwischen den einzelnen Gemeinden, Herausforderungen beim Schülerverkehr oder Lücken im Rad- und Fußwegenetz, ist es uns möglich, die Interessen unserer Umlandgemeinden bestmöglich zu berücksichtigen.
Wie werden Bürgerinnen und Bürger in die Planung von Mobilität einbezogen?
Im Sommer 2025 fand eine dreimonatige Online-Befragung statt. Darüber hinaus wurden bislang zwei Präsenzveranstaltungen organsiert bei denen Bürger*innen die Gelegenheit hatten, ihre Anregungen und Kritik zu teilen.
Welche Maßnahmen sind konkret geplant – und ab wann können alle erste Angebote nutzen? Und können Sie ein Beispiel nennen, wie sich der Alltag durch den Mobilitätsentwicklungsplan verändern könnte?
Aktuell befinden wir uns noch in der Maßnahmenformulierung. Vor dem Hintergrund der angespannten kommunalen Haushaltslage ist absehbar, dass die Umsetzung im Endbericht genannter Maßnahmen in den meisten Fällen nicht kurzfristig erfolgen wird. Angesichts dieser Erwartung nehmen die Projektverantwortlichen eine Maßnahmenpriorisierung vor (kurz-/mittelfristig, perspektivisch, strategisch). Innerhalb des Projektzeitraums können somit die zentralen Weichen für die Entwicklungen des kommenden Jahrzehnts gestellt werden. Die ersten Umsetzungen werden voraussichtlich von kleinerem Umfang sein, z.B. barrierefrei umgebaute Bushaltestellen oder neue Radabstellmöglichkeiten.
In welcher Phase befindet sich die Entwicklung aktuell?
Aktuell befindet sich „MOIN100“ in der 3. von vier Phasen, der Maßnahmenplanung. Mitte 2026 soll der Endbericht fertiggestellt sein. Die Gesamtprojektlaufzeit dauert noch bis Mitte 2027 an.
Welche Herausforderungen begegnen Ihnen auf dem Weg?
Die tägliche Nutzung des privaten Autos im ländlichen Raum beruht in hohem Maße auf Faktoren wie Bequemlichkeit, Gewohnheit und oft auch Alternativlosigkeit. Vielen Bürgerinnen und Bürgern die Notwendigkeit der Förderung von Mobilitätsalternativen zu verdeutlichen, erwies sich bislang als herausfordernd.
Gibt es Kooperationen mit Nachbarkommunen oder regionalen Verkehrsverbünden?
Bislang nicht.
Wie fügt sich „MOIN100“ in bestehende ÖPNV-Strukturen ein?
„MOIN100“ wird, aufbauend auf der Analyse des Ist-Zustands und der Auswertung der Beteiligungsformate, auf bestehende Lücken im System hinweisen, sei es bezüglich der Taktungen oder fehlender Bushaltestellen. Dies soll die Verantwortlichen auf eventuellen Nachbesserungsbedarf aufmerksam machen.
Sind besondere Tarifmodelle oder Kooperationen vorgesehen, zum Beispiel in Verbindung mit dem Deutschlandticket?
Diesbezüglich kann zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Aussage getätigt werden.
Wo sehen Sie „MOIN100“ in fünf Jahren?
In fünf Jahren tragen die verschiedenen Maßnahmen, die im Zuge des „MOIN100“-Projekts definiert werden, hoffentlich dazu bei, dass alteingesessene und hinzuziehende Menschen in der Region auf ein attraktives Radwege- und ÖPNV-Netz zurückgreifen können, damit Heide und ihre Umlandgemeinden weiterhin als begehrte Orte zum Wohnen, Arbeiten und Wohlfühlen wahrgenommen werden.
Hat aus Ihrer Sicht der gesellschaftliche Wandel hin zu nachhaltiger Mobilität bereits Fahrt aufgenommen?
Bedingt. Es finden sich zwar viele Menschen in der Region, die sich für die Förderung von Mobilitätsalternativen stark machen, jedoch ist für einen Großteil der Bürger*innen das Auto nicht aus dem Alltag wegzudenken.
Wie sind Sie persönlich unterwegs – und welche Rolle spielen nachhaltige Mobilitätsangebote in Ihrem Alltag?
Eine sehr große Rolle. Da ich selbst kein Auto besitze, bin ich auf das Fahrrad und den ÖPNV angewiesen, um von A nach B zu gelangen. Meinen täglichen Arbeitsweg lege ich meistens zu Fuß zurück, während ich für Fahrten in die Heimat oder zu Freunden fast ausschließlich die Bahn nutze.
Und zu guter Letzt noch etwas Persönliches: Wo befindet sich Ihr Lieblingsort in Schleswig-Holstein und wie kommt man dort hin?
Auf diese Frage muss ich zwei Antworten geben: Zunächst nenne ich meine Heimatstadt Lübeck. Dort bin ich tief verwurzelt, und ich versuche so oft wie möglich durch die wunderschönen Gassen der Hansekönigin zu spazieren. Als Kontrast zur Großstadt möchte ich als zweiten Lieblingsort die beschauliche Kleinstadt Malente erwähnen, wo ich bis zu meinem 10. Lebensjahr gewohnt habe. Die Lage mitten in der Holsteinischen Schweiz, zwischen Dieksee und Kellersee, umgeben von Feldern und Wäldern, ist für mich besonders im Sommer eine Oase der Entspannung. Beide Orte sind bestens mit der Bahn zu erreichen.